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Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.

(Erlkönig, Goethe)

Hrmpf... dann brauch ich demnächst vielleicht doch ne neue Gesundheitskarte...

Ich bin ja (wie schonmal erwähnt) der Meinung dass diese ganze eGK-Sache ein einziges Desaster ist. Bei dem Projekt kann man sehr schön beobachten wie Dinge, die eigentlich so vor sich hin scheitern, weiter am Leben erhalten werden. Man darf einfach nie und nimmer einen Rückzieher machen, darf niemals äussern "Okay, war ne doofe Idee, lassen wir doch lieber bleiben". Alles, nur das nicht.

Für mich beginnen die negativen Assotiationen mit der eGK bereits bei ihrem Namen. "Elektronische Gesundheitskarte". Es gibt zum Beispiel keinen plausiblen Grund darauf hinzuweisen dass da was "elektronisch" passiert, ganz einfach weil der Datenfluss bereits auch beim Vorgänger, der altbekannten "Krankenversicherungskarte", auf rein elektronischem Weg stattgefunden hat. Ist ja nicht so als hätten wir das bisher mit Notizzetteln geregelt. Und dann... "Gesundheitskarte". Ich finds merkwürdig einen Gegenstand, den wir immer dann benötigen wenn wir krank sind, mit dem Wort "gesund" zu bezeichnen.

Aber es musste wohl ein neuer Titel her, einer der sich auch prima abkürzen lässt - und an Neusprech sind wir ja sowieso alle gewöhnt.

 

Viel tragischer finde ich dass mit der eGK erstmals die Infrastruktur geschaffen wurde um prinzipiell auch weiterführende Patientendaten zu speichern. Das geschieht derzeit nicht (...immerhin das haben die vielen Gegenstimmen verhindern können), wäre aber machbar. Für mich ist das unbegreiflich. In so ziemlich jedem dystopischen Szenario, dass in der Vergangenheit von Datenschützern konstruiert wurde, war eine derartige Speicherung von Patientendaten ein oft bemühtes Beispiel um die weitreichenden, überwiegend negativen Folgen des Missbrauchs von Daten aufzuzeigen.

Und ausgerechnet das mussten wir realisieren, ausgerechnet dafür wurden die Grundsteine gelegt. Damit ist so ziemlich das Gegenteil von dem passiert, was man erreichen wollte. Gut, man könnte anmerken dass alle anderen Daten ja bereits erfasst wurden und dass es im Gesundheitswesen einfach Nachholbedarf gab...

 

Am Beispiel der eGK sieht man auch wunderbar wie das, was wir Demokratie nennen, funktioniert. Schon 2003 wurde die Einführung der eGK per Gesetz beschlossen. Nicht weils Probleme mit den herkömmlichen Versicherungskarten gab, sondern weil Rot-Grün die Kosten des Gesundheitswesens senken wollte (...das is so ne Sache wo man auch mal kurz drüber nachdenken kann). Es gab keinerlei Probleme mit den bestehenden Versicherungskarten, nichts was sich angeboten hätte um die bestehende Praxis zugunsten einer Umstellung zu kritisieren. Also hat man das eben per Gesetz beschlossen. Die Einführung war für 2006 geplant.

Die Datenschützer bekamen graue Haare, die Ärztekammer sprach sich mehrmals gegen das geplante Vorhaben aus und ein Regierungswechsel hat das Vorhaben auch nicht gerade beschleunigt. Und was tun wir traditionell, wenn wir mit der Reaktion auf eine Sache nicht so ganz zufrieden sind? Richtig - wir bohren so lange nach, bis uns das Ergebnis gefällt.

Auch der 116. Deutsche Ärztetag im Mai 2013 in Hannover bekräftigte die in seinen Beschlüssen der letzten Jahre formulierte Ablehnung des Großprojektes „Elektronische Gesundheitskarte“. „In den vergangenen 7 Jahren hat sich herausgestellt, dass das eGK-Projekt nicht geeignet ist, eine moderne, sichere, patienten- und arztdienliche elektronische Kommunikation im Gesundheitswesen zu befördern. Die bisher investierten Gelder sind der medizinischen Versorgung verloren gegangen.“

(Quelle)

 

Die Einführung der eGK hat sich also aus vielen Gründen um etliche Jahre verzögert. Und dann, alls es endlich so weit war, wollte dennoch niemand so wirklich mitmachen. Die Versicherten nicht - und auch die Krankenkassen nicht. Man hatte jedenfalls keine Eile. Zu wenig, allem Anschein nach, denn wieder wurden per Gesetz Termine diktiert. Im Januar 2013 mussten die Krankenkassen melden wie es um die Verbreitung der Karten bestellt war - und ab Januar 2014 hat die eGK dann die vorherige Krankenversicherungskarte abgelöst.

Zu diesem Zeitpunkt war dann auch längst klar dass die Kosten des Vorhabens deutlich höher ausfielen als man zu Beginn erwartet hatte. Ganz wie sich das für ein vernünftiges Großprojekt gehört.

 

Und dann war da noch die Sache mit dem Lichtbild. Ein Foto soll nämlich den Missbrauch der Karte verhindern. Leider wurde bei der Gelegenheit verpasst die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass dieser potentiellen Missbrauch auch tatsächlich verhindert werden kann, denn: Niemand prüft, ob das Foto auf der eGK auch tatsächlich den Besitzer der Karte zeigt. Das bewirkt dann natürlich rein gar nichts und so ganz nebenbei haben wir eigentlich auch schon ne runderneuerte, tolle Möglichkeit um Personen zu identifizieren. Jedenfalls kann man seiner Krankenkasse tatsächlich ein beliebiges Passbild zusenden, was natürlich Spielraum für Kreativität lässt. Selbst wenn die offensichtlichsten Fake-Bilder aussortiert werden.

Ich persönlich hatte diesbezüglich auch eine kleine Diskussion mit der Kundenbetreuerin meiner Krankenkasse. Ich hab die Aufforderungen ein Foto einzuschicken zunächst ignoriert, dann aber Fragen zur Sache gestellt (...und die Unsinnigkeit der Umsetzung bei meiner Krankenkasse erwähnt). "Weil das halt so sein muss", war die sinngemäße Antwort.

Nun, als ich die Dame dann darum bat doch bitte ihr eigenes Passbild auf meine Karte zu drucken bekam ich ohne weitere Probleme meine eGK - und den Hinweis dass ich bei meiner Krankenkasse als "Lichtbildverweigerer" geführt werde. Ich glaub damit kann ich leben. Meine Nachfrage wieviele Personen diesen Vermerk mit mir teilen wurde leider nicht beantwortet.

 

Sprung in die Gegenwart: Das Bundessozialgericht in Kassel hat entschieden dass das Lichtbild auf der eGK Pflicht ist. Bis auf einige Ausnahmen, natürlich. Mit der Begründung dass man potentiellen Missbrauch verhindern muss.

...wenn man das nur oft genug wiederholt glaubt man wohl irgendwann daran. Ich bin gespannt wann das bei mir so weit ist. Und ich bin gespannt wie lange es dauert bis sich meine Krankenkasse wieder bei mir meldet.