Freitag, 15. September 2006 | 13:13
hiphop // blumentopf - musikmaschine
hiphop, oder besser das umfeld zur musik, ist ein sehr eigen - so ausgeprägt scheinen die gegensätze sonst nirgends zu sein. das beginnt bei gravierenden differenzen über die musikalischen leistungen verschiedener djs und führt über seltsame blüten des sprechgesangs schließlich zur kleiderordnung der fans. neben diversen chartstürmern und bravo-titelgesichtern scheint mir aber keine andere musikrichtung so viel anklang zu finden oder auch nur annähernd so viel einfluss zu nehmen. mal mehr, mal weniger - is klar. aber wenn man mal dreist versucht zu pauschalisieren kommt man zu solchen erkenntnissen.
nichtmal ich komm darum herum mich davon beeinflussen zu lassen und mich teilweise zu meinem genre-rassismus zu outen: manche sachen sind einfach so no-no, so daneben, so absolut verachtenswert dass ich bei ausreichend intensiver beschäftigung mit dem thema tatsächlich aggressionen aufkommen könnten.
nicht dass wir uns falsch verstehen: ich mag hiphop. zugegeben, der zugang zur musik war ein mühsamer, erst als limp bizkits 'n 2 gether now' dem newmetal-versessenen sturschädel verdeutlichte was beats eigentlich waren wurde ich neugierig. aber das ändert nichts an meiner auffassung: hiphop ist toll! von dead prez über loop troop zu den mainstreams wie eminem, cypres hill oder missy elliot - erfrischende tracks findet man überall. the herbaliser und sinnverwandte präsentieren mit abstract hiphop eine schiene die teils fließend ins triphopland begleitet - traumhaft! :-)
doch das ist alles schon ne weile her und die derzeitige musiklandschaft "hiphop" ist von einer vielzahl von geschwüren überwuchert. seltsame, für mich nicht nachvollziehbare wandlungen haben das genre sehr verändert - wie ich finde nicht unbedingt zum vorteil.
die musik an sich hat sich weiterentwickelt, aber djs pumpen nach wie vor beats veschiedenster art durch die gehörgänge - nice as usual. doch wie sich die "rapper" oder "crews" geben ist eine andere sache. was mir am deutlichsten auffällt: die sprache. ich bin kein grammatik-pedant, aber ich kann mich ausdrücken. umgangssprache und dialekt sind wunderbare kommunikationsmittel. wortschöpfungen und anglizismen benutze ich selbst immer öfter im sprachgebrauch - oder hier auf dieser webseite. es gibt unendlich viele wege mehr oder minder kreativ, individuell, interessant und imposant zu sagen was man sagen will.
um so mehr schmerzt es dass sich das, was viele deutschsprachigen interpreten von sich geben, so anhört als wären sie einmal zu oft vom wickeltisch gefallen. ein einheitsnuscheln ist entstanden, wer "ich" nicht als "isch" artikuliert gehört zur minderheit. jedenfalls bekommt man diesen eindruck wenn 12 bis 25jährige sich in einem wüsten gestammel verschiedenartiger laute äussern.
doch selbst wenn man darüber hinwegsieht - besser wirds nicht unbedingt. irgendwann hat man wohl beschlossen auf texte mit inhalt zu verzichten. und so viel inhalt war das nichtmal. von völlig banal und belanglos bishin zu schwerer moralischer oder politischer kost wurde jedes thema aufgegriffen und gerapt. doch als wär es nicht billig genug dass verhalten aus dem amerikanischen raum zu kopieren, wo man gegenwärtig hauptsächlich über titten, ärsche, frauen, geld und autos texte schreibt, sucht man hierzulande tatsächlich nach weiteren tiefpunkten.
reine flame-wars aus anschuldigungen der dümmsten, einfallslosesten sorte sind tatsächlich albenfüllendes material. ginge es nach sido, bushido, ecko, azad und ihren kollegen hätte wohl jeder bundesbürger mindestens zwei mütter, die beide schlampen sind. und genau sowas wollen die leute hören, diese scheiben verkaufen sich wie geschnitten brot.
"äh.. moment... hast du vorhin nicht erwähnt dass du hiphop magst?"
richtig - und damit kommen wir zum zweiten teil der überschrift. denn entgegen den verbreiteten trends haben sich doch auch immer wieder leute gefunden die sich gedanken über ihre musik machen - und haben sounds kreiert die hoffnung gaben, die gefallen haben, die ganz einfach geil waren. einer der etwas neueren acts, die hier sehr positiv aufgefallen sind, ist beispielsweise clueso.
doch schon ein paar jahre zuvor wurde eine der wichtigsten deutschen hip-hop-bands gegründet: blumentopf. mit sehr relaxten, unverkennbaren beats wurde die combo aus münchen sehr schnell bekannt - und auch ihre texte zeugten von liebe zum detail. dramatische, ernste themen reihten sich nahtlos an bitterböse satire oder zynik, material von dem ohren so schnell nicht genug bekommen. hybsch humorvoll verpackt lauschte man auch den kürzesten intros immer und immer und immer wieder gerne.
wir sind erwachsen, unser name ist schon kindisch genug...
die insgesamt 4 grandiosen alben der vergangenen jahre wurden anfang dieses monats um eine scheibe erweitert: "musikmaschine" ist erschienen. insgesamt 22 tracks findet man auf dem album, dessen release ich so sorgfältig wie alle vorhergehenden verpennt habe. doch anders als bisher verschwand mein breites grinsen bereits nach wenigen sekunden probehören - ich war geschockt. was ist geschehen?
was ist mit dem topf passiert? mein erster gedanke war: die haben ne neubesetzung. nen neuen dj und ein anderes label, das einen neuen kurs vorgeschlagen hat. denn so groovig, so bitchy wie beinahe alle alten tracks klingen sind auf der neuen cd gerade mal zwei lieder. in zahlen: 2. nochmal in worten: zwei. zwei von zweiundzwanzig. und selbst diese beiden sind... anders...
nicht nur dass die beats mit fast doppeltem tempo ans trommelfell donnern - der sound ist um hundert prozent elektronischer geworden. statt gewiefter samples scheinen jetzt synthies und drumcomputer die oberhand zu haben. ich hab weder was gegen synthies, noch gegen drumcomputer - aber eigentlich war ich nur auf neue songs der freshen styler aus, nicht auf eine musikalische neuentdeckung. so anders wie die musik, so anders sind auch die texte - wenn auch nicht ganz so gravierend. nach wie vor wird kritisch und humorvoll über alles mögliche gesungen, doch der gewohnte wortwitz, der bisherige tiefgang ist irgendwo zwischen songwriting und tonstudio auf der strecke geblieben. noch zur wm hat blumentopf jedes spiel der deutschen mannschaft mit gewohnt-genialen songs kommentiert die jedermann frei zugängig gemacht wurden - doch selbst nur wenige monate später scheint das ewigkeiten, epochen her zu sein.
ich bin zugegeben enttäuscht. enttäuscht vom sound, enttäuscht von den texten, enttäuscht vom sprechgesang. die platte ist nicht wirklich grausam schlecht - viele lieder werden mir früher oder später sicher gut gefallen. aber topf-style ist das nicht. eher sammy deluxe, oder noch hektischere gangarten. müsste ich eine zahl hochheben wären das vier (von zehn) punkte - der sympathie wegen. weil der topf sich wiedermal ins studio geschleppt hat. weil man mal wieder neues von ihm hört. auch für die paar richtig guten tracks auf der scheibe. vier von zehn. aber mehr schon nicht. leider.

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