21.05.2008 | 21:40
die neuen herrscher der welt #2
nach einem ersten blick in jean zieglers werk "die neuen herrscher der welt" möchte ich nun nach vollständiger lektüre noch ein paar textstellen erwähnen. zum beispiel dieses zitat:
die kultiviertesten völker sind der barbarei so nahe wie das blank geschliffene eisen dem rostgraf antoine de rivarol
unzählige beispiele schildern den werdegang des dschungelkapitalismus, unzählige personen, organisationen und firmen werden von ziegler der schonungslosen und systematischen ausbeutung bezichtigt. besonderes augenmerk legt er dabei auf die "machtvollste kriegsmaschine in den händen der beutejäger", auf die welthandelsorganisation, kurz WTO.
Wir leben in einer Welt in der es viel schlimmer ist eine regel des internationalen handels zu verletzen als ein menschenrecht.warren allmand
untersuchungen bestätigen dass die WTO sich fast vollständig in der hand privater gesellschaften befindet. so sehr sich die WTO auch darum bemühte diese untersuchungsergebnisse unter den teppich zu kehren, niemand vermag die tatsachen zu leugnen. die mitgliedsstaaten der nördlichen hemisphäre, oder besser gesagt: ihre transnationalen gesellschaften kontrollieren 82% des gesamten welthandels. diese zahl sollte reichen um das machtverhältnis und die daraus resultierenden interessen zu verdeutlichen: niemals, unter keinen umständen, wird die welt der wohlhabenden auch nur einen millimeter platz für die dritte welt, die 122 ärmsten länder der welt machen. das wurde sinngemäß so auch immer wieder von der WTO-führungsriege geäussert, nur in hübscherer form, wohlwollenderer wortwahl und stets so dass sich keine weltöffentlichkeit daran stört.
man hat uns gesagt: wir werden euch häuser bauen. aber habe ich jemals ein haus verlangt?jaques nung
dieser james nung wollte eigentlich nur dass er und sein volk in den heimischen wäldern weiterleben dürfen, durch die schon bald pipelines führen sollen. kulissenwechsel. ziegler ist kein theoretiker, er weiß, wovon er schreibt. im frühjahr 2002 besucht er eine brasilianische polizeistation. er beschreibt den innenhof mit seinen zwölf zellen, die einst errichtet worden sind um insgesamt dreissig häftlinge aufnehmen zu können. zum zeitpunkt seines besuchs befinden sich dort 173 menschen in gefangenschaft - man kann sich die bedingungen wohl vorstellen. ziegler entdeckt in den akten dass zwei der inhaftierten ihre strafe längst abgesessen haben - jedoch einfach vergessen wurden. eine ausnahme? nein - normalzustand. genau wie die einschusslöcher im innenhof, knapp einen meter über dem boden. zum spaß wird auf die gefangenen geschossen, die sich zwangsweise zu boden werfen müssen. alltag am anderen ende der welt.
im gespräch um die weltbank, die misere der verarmten, verschuldeten länder bringt zieglers gegenüber diese frage zur debatte:
wird es eines tages einen nürnberger gerichtshof für diese leute geben?
die frage ist berechtigt. wo sich völkermordende kriegstreiber für ihre verbrechen an einzelnen staaten verantworten mussten wird in ferner zukunft, sofern man optimistisch ist, auch über jene gerichtet werden, die mit ihren entscheidungen ganze kontinente ins elend treiben. noam chomsky benennt die drei formen, welche die totalitäre macht im 20. und 21. jahrhundert nacheinander angenommen hat: bolschewismus, nationalsozialismus, TINA. letztere entspricht dem aktuellen geschehen, ganz gleich welche maßnahmen getroffen werden. welthandelsabkommen, steuer- und kapitalflüsse, krieg gegen den terror - das alles, mangels alternativen. "es geht nicht anders", will man uns glauben machen. und diese lehre wurde so oft gepredigt dass sie letztlich funktioniert. es gibt keine alternative - machen wir weiter wie bisher.
im letzten kapitel des buches widmet sich ziegler den widersachern des systems. er nennt die wichtigsten gruppierungen, die sich gegen globalisation und für die rechte der unterjochten stark machen. ziegler gelingt hier was ich selbst nicht verstehen kann: er bleibt optimistisch und legt es in die hände von "attac" und "amnesty international" den einfluss der mächtigen zu schmälern. und er glaubt daran dass es gelingen wird, selbst wenn er von den schrecklichen greultaten des g8-gipfels 2001 in genua berichtet, wo wahllos zivilisten, reporter und journalisten gequält, gefoltert und mißhandelt wurden.
hier kann ich ziegler nicht mehr folgen, ich will und kann nicht glauben dass das tatsächlich die letzte hoffnung sein soll. die entscheidungen des kapitalismus bleiben von aktionen, gleich welcher art, weitgehend unberührt. stell dich beim nächsten g8-gipfel ruhig an den zaun, dude, aber erwarte nicht dass deswegen weniger menschen im elend sterben.
wir sind am arsch, und das ist noch milde ausgedrückt. der "trickle-down-effect" der davon ausgeht dass sich der reichtum, sobald sich die mächtigen erstmal sattgefressen haben, auch auf die ärmeren regionen ausbreitet, hat versagt, ganz einfach weil der mensch ein nimmersatt ist - und für all zu viele manager sind ein paar millionen auf dem privatkonto noch längst nicht genug. reichtum erfüllt längst nicht mehr den zweck sich besitz zu verschaffen, reichtum selbst ist besitz, ist macht.
ich glaube nicht an demonstrationen. auch nicht an regulierungs- und aufsichtsbehörden. nicht an gesunden menschenverstand und auch nicht an eine selbstregulierung der märkte. ich glaube nicht an preisschwankungen, absatzkontrolle, zielgruppen und vermarktung. ich weiß überhaupt nciht mehr was ich glauben soll. ich kann nur hoffen dass "die natur (tm)" einen weg finden wird um dieses menschliche ungeziefer von diesem planeten zu fegen. es muss einfach bessere, intelligentere lebensformen geben, die diesen lebensraum dann auch verdient hätten.

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