18.04.2006 | 07:21

gedanken, gewidmet der zukunft

ich bin gerade über dieses interview in der faz gestolpert. pawel kuschke erklärt seine sicht der dinge. als student sieht er seine einzige chance im ausland, für die bundesrepublik hat er nicht viele gute worte übrig. ich kanns verstehen.

im großen und ganzen neige ich dazu nicht an die zukunft zu denken. nicht an die (riester)rente, nicht an die beitragserhöhungen, nicht an die energiekosten, nicht an die spritpreise, nicht an den arbeitsmarkt und auch nicht an persönliche lebensgestaltung. das kommt sehr bewusst dem verdrängungsprinzip gleich. ich gehöre dem an was man simpel 'arbeiterklasse' nennt, und wenn ich an die zukunft denke, dann wird mir schlecht. da sind artikel wie das genannte interview auch nicht gerade launemacher.

nicht nur weil meiner freundin das abitur bevorsteht werd ich in diesen tagen immer wieder mal mit diversen zukunftsgedanken konfrontiert. was studiert mann denn, wenn man jetzt demnächst damit anfängt? was tun, nach der lehre, wenn der betrieb kein interesse daran hat dem ausgebildeten facharbeiter eine stelle anzubieten? was tun, wenn man studiert und bereits in den ersten semestern verzagt, weil man für sich keine perspektiven auf dem arbeitsmarkt entdeckt?

sicher - es gibt freie stellen, fleiß und glück werden hand in hand schon dafür sorgen dass sehr viele irgendwo unterkommen.

irgendwo. hoffentlich.

ich erinnere mich fast schon traurig an diverse unterlagen, die ich einst von berufsberatern und jobmaklern erhalten habe. ganze bücher waren das, welche einzelne berufe genauer darstellten, eine scheinbar unendliche auswahl hatte man da. um so erschreckender ist es festzustellen dass man sich derzeit wohl 90% der vorschläge sparen kann - überlaufene märkte, sinkende nachfrage, rationalisierung, globalisierung - und viel zu viele arbeitslose. schon erstsemester belieben zu scherzen: "ich studier, weil ich keinen bock hab zu arbeiten - früher oder später bin ich eh n harz4-fall..."

ich persönlich darf mich also glücklich schätzen einen beruf auszuüben der mich nicht jeden tag auf selbstmordgedanken bringt. arbeiten nach stechuhrprinzip, aber doch auf sehr erträgliche art und weise.

das ist es also, worüber man glücklich sein soll? es war zwar situationsbedingt komisch, aber doch stimmt es mich nachdenklich wenn ich mit unbekannten am tisch sitze, ihren ganz eigenen zukunftsvisionen lausche und dann irgendwann gefragt werde: "und, was machst du so?" ... "ach, du arbeitest?" fast schon gefolgt von einem ehrfürchtigen "whow!"

ich, der arbeitende. hurra. irgendwie werde ich das gefühl nicht los eines der kleinsten zahnräder im deutschen arbeitsgeschehen zu sein - dem zwang unterworfen zu funktionieren. ansonsten werde ich ausgewechselt. wo ich hinsehe, egal ob betriebsintern oder bundesweit, sehe ich pulverfässer mit zündschnur, und jeder hat streichhölzer in der tasche. ja nicht zu viel verändern, es könnte nach hinten losgehen.

ich komme ins staunen, wenn ich die zukunftsvisionen vieler junger leute höre. erstrebenswerte ziele, beruflich sowie privat, werden genannt. man will viel erreichen - das klassische denken von erfolg und wohlstand.

und ich war auch mal so. beim nachdenken wird mir bewusst dass sich das geändert hat, je mehr ich von der tatsächlichen arbeitswelt erfahren habe.

anlageberater möchten meine finanzen die nächsten jahre oder jahrzehnte verwalten, dabei kann es ebensogut sein dass die entsprechende bank in 5 jahren bereits nichtmehr existiert. man stellt sich auf kurzfristigeres denken ein - woher soll ich wissen was ich in zukunft machen werde, wenn ich nicht mal weiß ob es in dieser zukunft auch nur annähernd spielraum für etwaige ideen gibt? es sieht nämlich nicht danach aus.

mein persönliches streben nach erfolg hat sich gewandelt: ein job mit möglichst wenig verantwortung, das ist es was mich derzeit erfüllt. ich möchte nicht mitreden oder mitwirken, bei der planung kommender dinge, und vor allen dingen möchte ich für nichts was dann geschieht verantwortlich gemacht werden können. auch als kleines, sehr kleines 'zahnrad' bekommt man die signale der richtungsweisenden mit. wenn man aufmerksam ist. auch desinteresse schützt nicht davor die umwelt wahrzunehmen:

tausende von arbeitnehmern werden durch beschlüsse einer handvoll menschen entlassen, ohne mit der wimper zu zucken. die arbeitnehmervertreter werden aktiv und sprechen von einem erfolg, wenn sie sich in einem von zehn punkten mit den arbeitgebern auf einen kompromiss einigen konnten. bildung ist ein privileg, bereits bei der einschulung wird "ausgesondert". schulgelder in noch offener, endgültiger höhe sind aushängeschild für die moderne zweiklassengesellschaft, was aber noch lange nicht bedeutet dass zahlende schüler oder studenten deswegen besser unterrichtet werden. man schafft es auch immer noch nicht die landesweite bildung auf einen nenner zu bringen, geschweigedenn die kommenden generationen zu verstehen - skandale, verbote, einschränkungen und zensur. "parental adivsory, explicit content". weil das, was uns als 'öffentlichkeit' vorgegaukelt wird, scheinbar unter zwanghafter paranoia leidet ist erwünscht die schritte eines jeden einzelnen nachvollziehen zu können - von der finanzsituation bishin zum surfverhalten im internet. utopische, nicht realisierbare beschlüsse zeigen dem wähler warum diese art von politik notwendig ist, und auch auf direkte fragen können sie nicht antworten, die abgeordneten. während großunternehmer, die hierzulande arbeitsplätze schaffen, umjubelt werden zittern alle vor dem osten, der uns in so ziemlich jedem punkt haushoch überlegen ist.

und das allerschlimmste: auch wenn es eine vielzahl von leuten gibt die wortkräftig und schmierig immer und immer wieder problemlösungen vor laufender kamera präsentieren - hoffnung und zuversicht kommen dabei nicht auf.

nein, ich kann mich beim besten willen nicht dazu hinreißen lassen einen positiven eindruck von dem zu gewinnen was auf uns, auf mich zukommt. ich habs erst kürzlich erwähnt: ich bin sehr froh viele entscheidungen hinter mir zu haben. es waren nicht wirklich die besten entscheidungen, die ich getroffen habe. es war nicht das was ich wirklich wollte, nicht das wovon ich geträumt habe - und auch kein erster schritt in diese richtung. aber ich bin dennoch froh dass das hinter mir liegt und ich jetzt einfach abwarten kann. abwarten, ob einer mal aus versehen mit nem streichholz an die zündschnur kommt, oder darauf warten dass jemand tatsächlich diesen gordischen knoten, der im kleinbetrieb beginnt und global endet, löst.

um es in den worten eines treffenden zitats zu sagen:

soviel kann ich garnicht essen, wie ich kotzen möchte.

ich werde mich wieder anderen dingen zuwenden und genau das tun was ich auch sonst bevorzuge zu tun: nicht darüber nachdenken...

warning! thinking about your future may cause depression and desperation!

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